Warum ich mir keine Neujahrsvorsätze mehr mache (und was ich stattdessen mache)
- Ann-Kathrin Putzas

- 31. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
(Stand: 2025, Autorin: Ann-Kathrin Putzas, Familien Menschen Berlin)
Weihnachten und die ganze Aufregung waren vorbei. Das Jahr fast um. Es gab nichts mehr Wichtiges zu tun. Niemand erwartete noch etwas. Man hatte Zeit. Muße.
Muße für Dinge, die einem wirklich Freude gemacht haben.
Für Spielen, Lesen, Entdecken.
Für Gespräche ohne Ziel.
Für Nähe.
Für Kontakt zu Menschen, die einem wichtig waren.
Diese besondere Zeit zwischen den Jahren. Ich habe sie schon als Kind als etwas ganz Besonderes empfunden. Alles wird auf wundersame Weise ruhiger. Langsamer. Und genau aus diesem Raum heraus schreibe ich heute.
Heute, als Erwachsene, nutze ich diese Zeit auch für die Rauhnächte – nicht als großes Ritual, nicht als magisches Konzept, sondern als Einladung. Eine Einladung, nach innen zu schauen. Bewusst abzuschließen. Und dem Neuen Raum zu geben.
Ich merke sehr deutlich, wie dieses Jahr Spuren in mir hinterlassen hat.
Wie viel mein Körper getragen hat.
Wie viele Höhen es gab – und wie viele Tiefen.
Wie oft ich über mich hinausgewachsen bin.
Wie viel Liebe, Freude und Lebendigkeit da waren.
Und wie viel Wut, Trauer und Schmerz sich ebenfalls bewegt haben.
Endlich.

Warum ich jahrelang an Neujahrsvorsätzen gescheitert bin
Normalerweise habe ich mir zu dieser Zeit Neujahrsvorsätze gemacht. Jedes Jahr. Aufrichtig. Hochmotiviert. Und ich habe sie wirklich ernst gemeint.
Mehr Bewegung.
Mehr Nein sagen.
Mehr Grenzen.
Mehr Zeit für mich.
Weniger Zucker.
Abnehmen.
Eine Morgenroutine, die nicht nur auf dem Papier existiert.
You name it.
Ich bin jedes Jahr gestartet mit dem Gefühl:
Jetzt bin ich bereit.
Und dann kam das Leben.
Die Verantwortung.
Der Alltag.
Beziehungen.
Konflikte.
Müdigkeit.
Care-Arbeit.
Mental Load.
Und irgendwann ging es einfach nicht mehr so, wie ich es mir vorgenommen hatte. Nicht, weil ich faul war. Nicht, weil mir Disziplin fehlte. Nicht, weil ich zu wenig wollte. Sondern weil ich jedes Mal den gleichen Fehler gemacht habe: Ich habe alles im Kopf geplant – und meinen Körper komplett vergessen.
Diese Rechnung ging nie wirklich auf.
Zwei Momente, die für mich alles verschoben haben
Dieses Jahr gab es zwei Momente, die vieles in mir neu sortiert haben. Der erste war brutal ehrlich.
Es war ein Autounfall.
Der erste Gedanke nach dem Aufprall war nicht Angst.
Nicht Schock.
Nicht Panik.
Es war dieser Gedanke: Oh Gott sei Dank. Jetzt kann ich endlich eine Pause machen.
Dieser Satz hat mich selbst erschreckt. Nicht, weil ich mir den Unfall gewünscht hätte. Sondern weil er mir gezeigt hat, wie weit ich mich selbst schon übergangen hatte. Alleinerziehend mit zwei Kindern. Die ganze Care-Arbeit. Der Mental Load. Die emotionale Verantwortung. Das ständige Funktionieren. Und irgendwo mittendrin: ich.
Meine Bedürfnisse. Mein Körper.
Der zweite Moment kam leiser – aber nicht weniger tiefgreifend. In meiner Ausbildung, in der ich begonnen habe, das Nervensystem wirklich zu verstehen. Zum ersten Mal habe ich begriffen, warum so vieles von dem, was ich mir jahrelang vorgenommen habe, nicht funktioniert hat.
Warum ich prokrastiniert habe.
Warum ich explodiert bin, obwohl ich ruhig bleiben wollte.
Warum Vorsätze immer wieder verpufft sind.
Nicht, weil ich charakterschwach war. Sondern weil mein Nervensystem schon viel zu lange im Überlebensmodus war. Und dann sollte dieses Nervensystem bitte auch noch:
regelmäßig Sport machen
weniger Zucker und Kohlenhydrate bekommen
sich freiwillig in Unsicherheit begeben
noch leistungsfähiger sein
diszipliniert funktionieren
Absurd eigentlich, wenn man es einmal klar ausspricht.
Zucker.
Schnelle Kohlenhydrate.
People-Pleasing.
Aufschieben.
Überreagieren.
Das waren keine Fehler. Das waren Regulationsversuche. Coping-Mechanismen eines Körpers, der versucht hat, mich irgendwie durch den Tag zu bringen.

Kurz erklärt:
Was dein Nervensystem damit zu tun hat
Viele Menschen kennen Begriffe wie „roter“, „blauer“ oder „grüner Bereich“ nicht. Deshalb hier ganz einfach:
Unser Nervensystem kennt verschiedene Zustände.
Im grünen Bereich fühlen wir uns relativ sicher.
Wir sind verbunden. Klar. Handlungsfähig.
Im roten Bereich sind wir im Alarm.
Kampf oder Flucht. Reizbarkeit. Wut. Überforderung.
Im blauen Bereich gehen wir in Rückzug.
Erschöpfung. Prokrastination. Abschalten. Nichts geht mehr.
Das ist keine Persönlichkeit. Das ist Biologie. Und das Entscheidende ist: Unser Nervensystem interessiert sich nicht für Vorsätze. Es interessiert sich für Sicherheit.
Wenn wir uns im Überlebensmodus befinden, ist Veränderung kein Ziel – sondern eine Bedrohung. Deshalb scheitern so viele Neujahrsvorsätze. Nicht, weil Menschen zu wenig wollen. Sondern weil sie zu viel von sich verlangen, während ihr System auf Notbetrieb läuft.
Was ich heute anders mache
Ich mache mir keine Vorsätze mehr, die mein Nervensystem ignorieren.
Ich frage mich nicht zuerst:Was will ich erreichen?
Sondern: Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen?
Ich schaue:
Wo kann ich Druck rausnehmen?
Was hilft mir, aus dem roten Bereich wieder Richtung grün zu kommen?
Was hat mich im letzten Jahr immer wieder in den blauen Bereich gebracht?
Bevor ich irgendetwas Neues plane, mache ich eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Was sind meine Anker?
Was tut meinem Körper gut?
Was tut mir nicht mehr gut?
Was lasse ich bewusst los?
Welche Menschen lassen mich sicher fühlen – und welche nicht?
Wo investiere ich Energie – und wo kommt nichts zurück?
Das ist keine Selbstoptimierung. Das ist Selbstschutz.
Kleine Dinge, die mein Nervensystem wirklich liebt
Ich glaube nicht an große Transformationen über Nacht.
Ich glaube an kleine, ehrliche Schritte.
Dinge, die meinem Nervensystem helfen, Übergänge zu verarbeiten.
Abzuschließen. Platz zu machen.
Zum Beispiel:
– Schreiben. Nicht schön. Nicht strukturiert. Sondern ehrlich.
– Sich an kleine, gute Momente erinnern. Nicht an Erfolge, sondern an Gefühle.
– Bewegung ohne Ziel. Musik. Schütteln. Spüren.
– Sicherheit wahrnehmen: ein Blick, ein Geruch, ein Moment Ruhe.
Genau deshalb eignen sich die Rauhnächte so gut dafür. Nicht, weil sie etwas bewirken.
Sondern weil sie einen zeitlichen Rahmen geben. Einen Rahmen, um Vergangenes innerlich abzuschließen. Um Übergänge bewusst zu gestalten. Um nicht sofort ins Neue zu springen, sondern erst einmal zu landen. Für unser Nervensystem ist das essenziell.
Abschluss schafft Orientierung. Orientierung schafft Sicherheit.
Das ist keine spirituelle Technik. Das ist Regulation.
Was das verändert – für uns und unsere Kinder

Wenn wir lernen, uns selbst zu regulieren, verändert sich nicht nur unser Alltag.
Wir sprechen anders.
Wir streiten anders.
Wir setzen Grenzen klarer – und weniger verletzend.
Wir müssen weniger kontrollieren.
Wir explodieren seltener.
Wir ziehen uns weniger zurück.
Und das geben wir weiter.
Kinder, die regulierte Erwachsene erleben, brauchen weniger Anpassung. Beziehungen, die auf Sicherheit statt Macht basieren, brauchen weniger Kampf. Menschen, die sich selbst halten können, brauchen weniger Feindbilder. Das ist keine Utopie. Das ist Neurobiologie.
Gerade für uns Frauen, die Care-Arbeit, Job, emotionale Verantwortung und Alltag gleichzeitig tragen, zeigt sich, wie essenziell Nervensystem-Regulation ist. Wenn wir das, was wir jetzt mühsam und schmerzhaft lernen, an unsere Kinder weitergeben – und es für sie basic wird –, dann bin ich tief zuversichtlich: Das kann die Welt verändern. Nicht laut. Nicht auf einmal. Aber von innen nach außen.
Mein persönliches Fazit
Ich bin unbequemer geworden. Und ich bin mir selbst ein Stück näher gekommen. Ich habe Entscheidungen getroffen, die längst überfällig waren. Grenzen gesetzt, die bitter nötig waren. Und ich habe mich von Menschen gelöst, die mir schon lange nicht mehr gutgetan haben.
Ich habe meinen Mut zusammengenommen. Ich habe mich meiner Angst gestellt. Ich habe nach langer Zeit wieder Lebendigkeit gespürt. Ich habe Frieden geschlossen. Und ich habe verstanden, dass es Dualität gibt. Dass beides wahr sein darf.
Freude und Schmerz.
Hoffnung und Angst.
Regen und Sonne.
No rain, no flowers.
Genau das nehme ich mit in 2026.
Ich werde mich dem Leben hingeben. Nicht kopflos – aber weniger kopfgesteuert. Dafür mehr mit meinem Herzen. Und mit meinem Körper.
Denn genau dort beginnt für mich echte Veränderung.

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Dieser Artikel erklärt, warum klassische Neujahrsvorsätze oft scheitern – nicht aus mangelnder Disziplin, sondern weil sie das Nervensystem ignorieren. Die Autorin zeigt anhand persönlicher Erfahrungen, wie Stress, Care-Arbeit, Mental Load und Dauerfunktionieren dazu führen, dass Veränderung biologisch zur Bedrohung wird.
Im Fokus steht die Erkenntnis:Verhalten wie Prokrastination, Überreaktion oder Zuckerhunger sind keine Schwächen, sondern Regulationsversuche eines überlasteten Nervensystems. Veränderung wird erst möglich, wenn Sicherheit entsteht – nicht durch Druck, sondern durch Selbstregulation.
Statt Vorsätzen plädiert der Text für eine körperbasierte Bestandsaufnahme, kleine regulierende Schritte und bewusste Übergänge (z. B. über die Rauhnächte). Die zentrale Botschaft:Echte Veränderung beginnt im Körper, nicht im Kopf – und wirkt sich direkt auf Beziehungen, Elternschaft und das Aufwachsen von Kindern aus.
Kernthemen: Nervensystem-Regulation, Neujahrsvorsätze, Selbstschutz statt Selbstoptimierung, Care-Arbeit, Frauen & Mental Load, nachhaltige Veränderung.Standpunkt: neurobiologisch fundiert, erfahrungsbasiert, gesellschaftlich relevant (Stand 2025/2026).

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